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Corona-Aus-Zeiten - Schreib-Contest, Thema C: freie Themenwahl

Wann können wir uns mal ausgiebig Zeit für die Gestaltung eines kreativen Textes nehmen?

Nutzen wir die jetzige Auszeit, jetzt haben wir eine Chance, uns Zeit fürs Schreiben zu nehmen! Die Genre-Wahl ist frei (Berichte, Reportagen, Kommentare, Tipps und Tricks, Rezepte in Corona-Zeiten, Kurzgeschichten, Reden, Witze, Poetry Slams, Tagebuch-/Blogeinträge, fiktive Briefe, Gedichte, Comics, Hörspiele, Theaterstücke...). Viel Spaß beim Nachdenken, Formulieren, tolle Ideen haben, Verbessern, weiteres Nachdenken, jemandem Vorlesen, weiteres Formulieren. Schickt den Text nach Fertigstellung an Frau Strehl.

Thema C: freie Themenwahl: aktuelle Themen, die uns interessieren und berühren, z.B. Klimawandel, Freundschaft und Liebe, Ich und die Welt, usw.

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Langeweile

von Antonia

Ich sitze hier in meinem Zimmer, weiß nicht, was ich machen soll. Jeden Tag das Gleiche. Aufstehen, Frühstücken, Hausunterricht, Mittagessen, noch mehr Unterricht und dann habe ich nichts mehr zu tun. Ich starre nur aus dem Fenster und schaue den anderen Kindern beim Fußballspielen zu. Oder ich liege in meinem Bett und lese. Doch ich habe schon alle meine Bücher mindestens zweimal durch gelesen. Wenn ich ein neues bekomme, habe ich nur einen Nachmittag damit zu tun, bevor mich die Langeweile wieder quält. Mir ist sooo langweilig. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Niemand macht etwas mit mir und ich darf nicht raus. Die Langeweile ist mein ständiger Begleiter. Jeden Nachmittag sucht sie mich heim, um mich zu quälen. Und ich bin es leid, die ganze Zeit nur in meinem Zimmer rumzuhocken und nichts zu tun.

Die anderen Kinder spielen draußen, doch ich, ich darf nicht raus. Nur weil ich in diesem beschissenen Rollstuhl sitzen muss, an den ich seit dem Unfall gefesselt bin. So oft ich meine Eltern auch anbettle, sie werden nicht weich. Sie sagen mir, es sei zu gefährlich. Doch sie verstehen nicht, wie es ist, wenn man mit zwölf Jahren nicht mit seinen Freunden Fußball spielen oder einfach nur rausgehen kann. Wie es ist, nicht laufen zu können und seine eigenen Beine nicht zu spüren. Sie verstehen nicht, wie es ist, keine richtige Kindheit zu haben.

Seit dem Unfall war ich die ganze Zeit alleine - also natürlich nicht richtig, sie waren immer da und auch jede Menge Ärzte - aber ich war wie von der Außenwelt abgeschottet, es durften mich noch nicht einmal Freunde hier besuchen, weil sie Angst haben, ich könne mir ein Virus einfangen. Also bin ich die ganze Zeit in meinem Zimmer mit meiner Langenweile alleine. Dann sagen meine Eltern mir auch noch ständig, ich solle zufrieden sein, dass ich überhaupt noch lebe. Doch was ist das für ein beschissenes Leben, das zu leben ich gezwungen bin. Ich werde niemals ein normales Leben führen können, werde nie wieder mit meinen Freunden draußen Fußball spielen können und nie wieder im Sommer an den See fahren können, um den ganzen Nachmittag mit meinen Freunden zu schwimmen.

Ich werde immer auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Ich kann mich nicht alleine anziehen, mich nicht alleine in mein Bett legen und noch nicht mal alleine auf die Toilette gehen. Es ist ein schreckliches Leben und jemand, der es nicht selbst führen muss, versteht einfach nicht, wie schwer es für mich ist. Und meine Eltern erleichtern mir dieses Leben noch nicht einmal, indem sie mich von meinen Freunden besuchen lassen oder mich rauslassen, damit ich mit ihnen reden kann und sie mir helfen, mit meiner Situation klar zu kommen.

Sie sind einfach zu vorsichtig und jedes Mal, wenn sie mich ansehen, sehe ich diesen Ausdruck in ihren Augen. Die tiefe Trauer darüber, ihren gesunden, lebhaften Sohn verloren zu haben und stattdessen jetzt ein behindertes Kind an der Seite haben, um das sie sich die ganze Zeit kümmern müssen. Sie versuchen, ihre Trauer und ihre Enttäuschung über die Situation, so gut sie können, vor mir zu verbergen, doch es entgeht mir trotzdem nicht. Und jedes Mal, wenn ich diesen Ausdruck bei ihnen sehe, ist es, als würde mir irgendjemand mit einem Messer in die Brust stechen. Ich habe diesen Ausdruck schon tausendmal bei ihnen gesehen und trotzdem schmerzt es noch genauso wie beim ersten Mal. Ich weiß, dass sie es nur gut meinen und mir helfen wollen, doch mir ist nicht damit geholfen, wenn sie mich den ganzen Tag nur einsperren. Zumal ich während der Zeit, in der ich nichts zu tun habe, einfach nur vor mich hin starre und meinen Gedanken freien Lauf lasse.

Ich denke darüber nach, wie mein Leben jetzt wohl wäre, hätte es den Unfall nicht gegeben, und das führt dazu, dass ich mich noch schlechter fühle und in Selbstmitleid versinke. Ich frage mich in einigen Momenten der Verzweiflung manchmal, wie der Tod wohl ist und ob es auf der anderen Seite besser ist als hier, in diesem öden Haus. Doch dann zwinge ich mich jedes Mal, so etwas nicht zu denken, weil ich eigentlich noch gar nicht sterben möchte und ich mir denke, dass ich später immer noch genug Zeit haben werde, die Welt der Toten zu erkunden. Also beschäftige ich mich die Nachmittage so gut ich kann, manchmal male ich, manchmal schreibe ich eine Geschichte und manchmal lese ich ein Buch zum wiederholten Mal. Doch dann kommt die Nacht und die Nächte sind genauso schlimm wie die Tage, da ich Albträume träume und fast jede Nacht schweißüberströmt aufwache. Oftmals träume ich vom Unfall. Die Träume laufen dann eigentlich immer gleich ab. Ich bin gerade mit meinem Fahrrad auf dem Weg zu meinem Freund Nicky, bei dem ich die kommende Nacht verbringen würde. Es ist ein verregneter Tag, die Straßen sind nass und der Himmel ist dunkel. Meine Eltern wollten mich aufgrund des schlechten Wetters zuerst nicht fahren lassen, doch ich konnte sie überreden und sie ließen locker. Ich habe gerade ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft und drei weitere Autos fuhren hinter mir, als ich plötzlich einen Schatten neben mir aus dem Gebüsch springen sehe. Ich trete den Rücktritt bei meinem Fahrrad durch und ziehe die Vorderbremse. Die nächsten Sekunden erlebe ich wie in Zeitlupe. Mein Fahrrad geriet ins Schlingern, doch ich schaffe es nicht rechtzeitig und fahre in das Reh hinein, was vor mir über die Straße springt. Hinter mir höre ich Reifen quietschen und der Geruch von verbranntem Gummi steigt mir in die Nase. Die Scheinwerfer von dem Auto hinter mir kommen immer näher, doch ich habe nur Augen für das Reh, das vor mir auf dem Boden liegt und verzweifelt versucht, sein Bein aus meiner Fahrradkette zu befreien. Dann spüre ich, wie mich etwas hart am Rücken trifft und ein schrecklicher Schmerz durchzuckt mich. Das Auto, von dem ich angefahren wurde, staucht meinen ohnehin schon auf dem Boden liegenden Körper zusammen und zerquetscht meine Beine. Ein furchtbarer Schmerz fährt durch meinen Körper und meine Beine werden taub, was mir schreckliche Angst bereitet. Ich merke noch, wie mir irgendjemand mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtet, bevor ich das Bewusstsein verliere. Das ist dann meistens der Moment, wo ich aufwache. Danach kann ich oftmals nicht mehr einschlafen, weshalb ich dann noch mehr Zeit zum Nachdenken habe und Zeit, in der mich die Langeweile wieder quälen kann. Da sind wir wieder beim Thema Langeweile, das ist nämlich auch der Grund, warum ich dies alles geschrieben habe. Das sind die Sachen, über die ich mir in den letzten vier Stunden den Kopf zerbrochen habe. Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich etwas ändern muss, ich will kein depressiver Nichtsnutz im Rollstuhl sein, der seine Tage damit verbringt, in Selbstmitleid zu ertrinken, also muss ich etwas unternehmen, ich weiß nur noch nicht was, aber da wird mir schon noch etwas einfallen. Ich habe ja schließlich genug Zeit, mir etwas zu überlegen. Jetzt muss ich zum Abendessen gehen und danach ins Bett. Gute Nacht!

 

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Das Boot

Eine Kurzgeschichte von Mewes

Sie war bereits wach, doch ihre Augen hielt sie noch geschlossen. Ihr Rücken fühlte sich an, als hätte man einmal kräftig mit einem Brett darauf geschlagen, so fest und unbequem war der Boden, auf dem sie lagen. Auch als sie ihre Augen öffnete, war es noch stockdunkel. Lange konnte sie also nicht geschlafen haben.

Wind schlug ihr ins Gesicht, als sie sich aufrichtete, und trug den üblichen Geruch vonUnrat und Erbrochenem mit sich. Die Anderen waren ungewöhnlich laut, vielleicht war etwas passiert? Kurz stieg Panik in ihr auf, doch als sie feststellte, dass ihre beiden Jungen noch immer neben ihr lagen, war sie beruhigt und alles Andere schien egal. Ihre Söhne waren alles, was sie noch hatte, und ihr Zukunft war der Grund dafür, dass sie hier waren. Nur ein paar Meter entfernt von ihrem Schlafplatz wimmerte ein Säugling, doch mit der Gewissheit, dass es ihren eigenen Kindern gut ging, schlief sie schnell wieder ein.

Als sie nach einiger Zeit wieder aufwachte, war es hell. Die Sonne brannte auf sie hinab, ohne durch irgendetwas Schattenspendendes aufgehalten zu werden. Ihre Haut war trocken und verbrannt. Wie alle anderen hatte sie Hunger, aber das kannte sie ja schon. Den wenigen Proviant, den sie dabei gehabt hatte, hatte sie bereits ihren Söhnen gegeben. Die beiden saßen dicht aneinander gedrückt neben ihr an der niedrigen Bordwand. Sie hatten Glück gehabt mit den Plätzen, die sich hatten erdrängeln können, weiter in der Mitte des Bootes gab es keine Gelegenheit, sich anzulehnen. So saßen sie da, Stunden des Schweigens, auch wenn eine Unterhaltung sie vielleicht von ihrem Hunger abgelenkt hätte. Ihr fiel auf, dass der Wind über Nacht deutlich stärker geworden war und auch über den Tag hinweg immer mehr zunahm. Auf der ihnen gegenüberliegenden Seite des Bootes schwappte in unregelmäßigen Abständen bereits ein wenig Wasser ins Boot. Ein paar junge Männer wechselten sich damit ab, es direkt wieder ins Meer zu schöpfen. Vielleicht war dieser neue Umstand auch der Grund für die nächtlichen Unruhen gewesen.

Sie bat ihren Ältesten darum, den Männern zu helfen. Es waren die ersten Worte, die sie an diesem Tag gesprochen hatte. Er gab keine Antwort, richtete sich aber langsam auf und stieg wackelig und unsicher über die anderen Menschen, die eng beieinander auf dem Boden saßen und nicht einmal zu ihm aufsahen, wenn er direkt über ihnen stand. Seine Mutter beobachtete jeden Schritt, den er tat. Er kam auf der anderen Seite an. Obwohl ihr Sohn nur wenige Meter zurücklegen musste, schien er ihr unerreichbar. Er fing an zu schöpfen. Die bereits Schöpfenden schenkten ihm keine Beachtung.

Die Wellen schlugen immer höher und das instabile Boot geriet immer mehr ins Schwanken. Er bückte sich, er füllte die kleine Kelle mit Wasser, er goss es über Bord. Er bückte sich, er füllte die Kelle mit Wasser, er goss es über Bord. Er bückte sich, er füllte die Kelle mit Wasser und dann kam die Welle. Sie schlug mit ungeheurer Kraft gegen das Boot und die junge Mutter musste mit ansehen, wie ihr Sohn wie in Zeitlupe ins Taumeln kam und vornüber ins Meer stürzte. Sie schrie auf. Reflexartig kletterte sie über die anderen Menschen zu der Stelle, an der er eben noch gestanden hatte. Sie blickte sie in die blau-grauen Weiten, doch ihr Sohn war nirgends zu sehen. Also sprang sie.

Panisch riss sie unter Wasser die Augen auf, sehen konnte sie trotzdem nichts. In ihren Ohren toste es, ihr Herz schlug wie nie zuvor. Sie drehte und wendete sich in alle Richtungen, aber überall war es gleich dunkel und nirgends war eine Spur ihres Sohnes zu sehen. Sie spürte, wie Wasser in ihre Lungen drang und ein stechender Schmerz sich in ihren Ohren einnistete. Panisch strampelte sie um sich, in der Hoffnung wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen, Vergebens. Eine bisher ungekannte Schwäche zog in ihre Glieder. Während sie langsam in Richtung Meeresboden sank, machten sich unbeschreibliche Schuldgefühle in ihrer Brust breit.

Sie spürte ihren Schmerz nicht mehr, als sie noch ein letztes Mal zu dem Boot aufblickte.

Inzwischen war es nur noch ein schwammiger dunkler Fleck, sehr weit über ihr. Dann wurde alles weiß.

Schweißgebadet sprang sie aus ihrem Bett auf. Sie schlug sich ins Gesicht. Nun war sie wirklich wach. Sie ging zu den Betten ihrer Söhne. Beide schienen friedlich zu schlafen. Es war jetzt beinahe zwei Jahre her, dass sie mehr oder weniger gesund am europäischen Festland angekommen waren. Auf dem Boot befand sie sich dennoch jede Nacht.

 

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Der kleine Junge mit den großen braunen Augen

von Laura-Marie

Sie guckten ihn an. Auf der Straße guckten sie ihn an. Wenn sie in seinen Bus einstiegen, guckten sie ihn an. Sie verzogen das Gesicht, wenn sie ihn sahen. Manche mehr und manche weniger auffällig, aber sie verzogen das Gesicht. Sie starrten ihn an und wenn er zurück starrte, rümpften sie die Nase. So ging das. Jeden Tag. Seit 273 Tagen. Seit 273 Tagen hatte er nichts mehr gesagt. Vor 273 Tagen hat er angefangen zu zählen, an das, was davor war, erinnerte er sich nicht mehr. Seit 273 Tagen war er stumm. Er zeigte den Leuten die Preise auf dem kleinen Computer, aus dem auch die Tickets kamen. Sie wunderten sich, dass er nichts sagte und starrten ihn dann wieder komisch an. Gesagt hat aber keiner etwas. Ihn gefragt, warum er schwieg, tat keiner, aber verächtlich gucken, das konnten sie alle.

Er beobachtete die Stimmung der Leute. Wenn die Sonne schien, wirkten sie meist glücklich und wenn es regnete, eher bedrückt. So, wie an diesem Tag. Es regnete. Dicke Tropfen liefen über die große Frontscheibe. Er beobachtete, wie die Stärke des Regens sich veränderte. Große Tropfen, die mit lautem Aufprall die Scheibe berührten und dann wieder kleinere, dünne, die man kaum hörte. Er verstand, warum dieses Wetter die Leute traurig machte. Er hatte das Gefühl, dass auch er dieses Wetter einmal als bedrückend empfand, aber das war nur eine Vermutung. Er wusste es nicht. Seit 273 Tagen bewirkte es nichts mehr bei ihm. Seine Stimmung blieb gleich.

Leute stiegen ein und andere wieder aus. Er fuhr dieselbe Strecke. Seit 273 Tagen, jeden Tag. Früher, da ist er wohl auch andere Strecken gefahren, aber das war nur eine Vermutung. Er wusste es nicht. Viele Leute fänden es langweilig, jeden Tag dieselbe Strecke zu fahren, aber er nicht. Er mochte die Kontinuität.

Nächste Haltestelle, neue Leute. Ein kleiner Junge und seine Mutter blieben vor ihm und seinem Computer stehen, um zwei Tickets zu kaufen. Er machte alles so, wie er es immer tat. Der kleine Junge betrachtete ihn. Etwas an seinem Blick war anders. Er starrte nicht und er guckte auch nicht verächtlich oder angeekelt. Er guckte bloß. Als er ihm den Computer mit dem Preis hin drehte, betrachteten die großen braunen Augen ihn noch etwas eindringlicher. Aber nicht verachtend. Sie guckten nachdenklich und neugierig.

Seine Mutter zog an seinem Ärmel: „ Noah, geh weiter“. Er hieß also Noah. Noah, der kleine Junge mit den großen braunen Augen. Noah folgte seiner Mutter gehorsam. Noch am Abend dachte er über den kleinen Jungen nach, denn er hatte nicht verächtlich geguckt.

Am nächsten Tag stieg Noah erneut ein. Als er den Jungen sah, bemerkte er, dass sich etwas in ihm regte. Das erst Mal seit 274 Tagen spürte er etwas, was einem Gefühl ähnelte. Ja, er war froh, den kleinen Jungen mit den großen braunen Augen wieder zu sehen. Er wusste nicht an was und er wusste nicht warum, aber er wusste, dass er ihn an etwas erinnerte.

Diesmal schwieg der Junge nicht. Er fragte ihn, was mit seinem Gesicht passiert sei. Seine Mutter gab ein genervtes Geräusch von sich. Doch er spürte erneut etwas. Der kleine Junge war der erste, der ihn fragte, was mit ihm passiert sei. Er sagte nichts. Er war ja stumm. Seit 274 Tagen war er stumm. Doch er regte seine Gesichtszüge ein wenig. Man könnte meinten, er versuchte zu lächeln.

Noah stieg von nun an täglich in seinen Bus. Er stieg immer an derselben Haltestelle ein und an derselben wieder aus. Das merkte er sich. Er merkte ebenfalls, wie er sich schon nach seinem Aussteigen wieder darauf freute, Noah und seine großen braunen Augen am nächsten Tag wieder zu sehen. Ja, er freute sich.

Jeden Tag sagte der kleine Junge etwas zu ihm. Erst waren es nur Fragen. Er fragte, was mit seinem Gesicht passiert sei und warum er nicht sprach. Natürlich antwortete er nicht. Später fing er an, von sich zu erzählen. Er sagte, dass er seine Geduld bewundere und dass er es erstaunlich fände, wie er jeden Tag das Gleiche machen könne, ohne sich zu langweilen. Er erzählte, dass er Tennis spiele. Das erinnerte ihn ebenfalls an etwas. Doch er wusste nicht woran. Natürlich nicht.

So ging das bis Tag 361. Es war wieder einer dieser Tage, an denen die Leute bedrückt wirkten und an denen er die Tropfen auf der Frontscheibe betrachtete. An Tag 361 sah er, wie Noah über die Straße lief, um den Bus zu bekommen. An Tag 361 hörte er, wie Noahs Mutter den Namen ihres Sohnes schrie. An Tag 361 sah er, wie Noah von einem Auto überfahren wurde.  Das Auto hatte so viel Geschwindigkeit, dass es anschließend gegen eine Hauswand geschleudert wurde und anfing zu brennen. Da schrie er auf. Alle Emotionen der letzten 361 Tage prasselten auf ihn ein. Alles, was er nicht gespürt hatte, spürte er jetzt auf einen Schlag. Er erinnerte sich wieder an das, was vor 361 Tagen passiert war. Er wusste wieder, was mit seinem Gesicht passiert war. Er hatte einen Autounfall. Das Auto brannte. Sein Gesicht verbrannte. Er fuhr mit seinem Sohn zum Tennis. Sein Sohn hatte große, braune Augen.

Er weinte. Er weinte aus Trauer um seinen Sohn und er weinte um Noah. Doch er weinte auch, weil er wieder dazu in der Lage war. Er konnte wieder fühlen.

An Tag 372 ging er zu Noahs Beerdigung. An Tag 372 stand er vor Noahs Sarg und sagte: „ Danke“, denn Noah hatte ihm seine Stimme zurückgegeben.

 

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